Warum Donald Trump vor Nordkorea kneifen muss

Der Diktator Kim Jong Un lehrt die Welt das Fürchten. Atomsprengköpfe und Raketen mit immer größerer Reichweite – womöglich bis Los Angeles. Ein riesiges Arsenal von Artilleriegeschoßen, die in 45 Sekunden in Seoul einschlagen und mit Giftgas 24 Millionen Menschen verseuchen können. Tausende Gründe also, warum Donald Trump vor Nordkorea kneifen muss.                                                      

Autor: Wolfgang Freisleben

Verstorbener Otto Warmbier bei einer Pressekonferenz in Nordkorea am 29.2.2016 (Photo: Reuters)

Seit der Rückführung des schwerkranken und inzwischen verstorbenen US-Studenten Otto Warmbier aus Nordkorea steht US-Präsident Donald Trump unter dem Druck, angemessen zu reagieren. Der 22-Jährige hatte nach Darstellung von Ärzten schwere Hirnschäden erlitten und war im Wachkoma liegend nach 17-monatiger Haft in die USA zurückgebracht worden.

Nach Meinung von Medizinern könnten die Schädigungen im Hirn von einem Sauerstoffentzug stammen. Hinweise auf ein Trauma, etwa durch Schläge auf den Kopf, hätten sich zunächst nicht gefunden.

Nach Angaben des US-Außenministeriums befinden sich derzeit noch 3 weitere Amerikaner in einem Gefängnis des kommunistischen Landes.

Nur eine einzige Fehlkalkulation von einer Katastrophe entfernt

US-Präsident Donald Trump: Kriegsrhetorik gegenüber  Nordkorea verschärft

Die koreanische Halbinsel scheint derzeit nur eine einzige Fehlkalkulation von einer Katastrophe in unabsehbarem Ausmaß entfernt zu sein. Denn seit seiner Wahl haben US-Präsident Donald Trump und sein außenpolitisches Team ihre kriegerische Rhetorik gegenüber Nordkorea verstärkt und darauf gepocht, dass die Geduld der USA bezüglich des nordkoreanischen Atom- und Raketenprogramms zu Ende sei.

Doch bei genauem Hinsehen entpuppen sich die Drohungen für die USA und ihre Verbündeten selber als nicht minder gefährlich. Dementsprechend hat die Regierung in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang mit einer noch schärferen kriegerischen Rhetorik als üblich reagiert. Am 20. April drohte eine staatseigene Zeitung, dass Pjöngjang den USA einen „gewaltigen präventiven Angriff“ entgegen setzen würde, sollte eine US-Rakete anfliegen.

Dies wäre der Super-GAU für die koreanische Halbinsel. Denn Nord- und Süd-Korea trennt seit Ende des drei Jahre dauernden Koreakriegs im Jahre 1953 zwar eine demilitarisierte Zone (DMZ). Sie ist aber nur rund vier Kilometer breit und läuft von West-Südwest nach Ost-Nordost über eine Länge von 248 Kilometer quer über die Halbinsel. In ihrer Mitte verläuft die Militärische Demarkationslinie (MDL), de facto die Grenze zwischen Nord- und Südkorea.

Auf der nördlichen Seite der DMZ lauern die Batterien der nordkoreanischen Artillerie. Davon gibt es Tausende – einige versteckt, andere offen sichtbar. Artillerie-Geschoße werden in einem aufwändigen Netz von Tunnels gelagert. Und obwohl viele der Waffen und Munition alt sind, haben die in Südkorea stationierten US-Militärs keinen Zweifel, dass sie voll einsatzfähig sein würden.

Nordkoreanische Artilleriegeschoße fliegen nur 45 Sekunden bis Seoul

Artillerie-Manöver in Nordkorea:Tausende versteckte und offene Abschussrampen mit Zielrichtung Südkorea

Und jeder auf der Halbinsel weiß, dass die Artilleriebatterien installiert wurden, um Geschosse direkt auf Seoul niederzuprasseln zu lassen, wenn ein weiterer Krieg ausbricht. Denn die weitläufige Hauptstadt liegt kaum mehr als 60 Kilometer südlich, mit einer Metropol-Region von 24 Millionen Einwohnern.

Die Zeitspanne ab dem Augenblick, in dem ein nordkoreanisches Geschoß abgefeuert wird, bis zum Einschlag in der südkoreanischen Hauptstadt? Genau 45 Sekunden!

Aber die Bedrohung aus dem Norden hat inzwischen eine neue Dimension erreicht: Eine nukleare. Denn in den letzten Monaten hat sich die aggressive Raketen-Test-Serie der Nordkoreaner intensiviert. Während der vierjährigen Herrschaft des Diktators Kim Jong Un hat Pjöngjang bereits 66 Raketen getestet – mehr als doppelt so viele wie sein Vater Kim Jong Il während seiner 17-jährigen Amtszeit. Und das mit immer größerer Reichweite.

Insgesamt verfügt Nordkorea derzeit nach einem Bericht der englischen Zeitung „The Telegraph“ über ein Arsenal von mehr als 1.000 Raketen mit verschiedensten Reichweiten bis zu 4.000 Kilometern. Damit könnten sie bereits die US Militärbasis auf Guam im westpazifischen Ozean erreichen.

Die in Entwicklung stehende Interkontinentalrakete mit der Bezeichnung KN-08 könnte bereits weite Teile der USA erreichen, behauptete das US-Pentagon im vergangenen Jahr.

Kombiniert mit den Bemühungen, das nukleares Arsenal zu miniaturisieren, damit 10 bis 16 Bomben auf einen Gefechtskopf passen, ergibt dies zwei Effekte, die zusammen kommen: Die Reichweite der Raketen und die Miniaturisierung der Sprengköpfe.

Damit liegt die militärische Stärke der kommunistischen Führung nicht mehr nur in ihrer riesigen Streitmacht mit über 1 Million Soldaten und dem konventionellen Waffenarsenal.

Nukleare Sicherheitsdoktrin der USA

Überreste von Hiroshima nach dem Einschlag der Atombombe: Menschen sind verdampft

Und da hört sich die Gemütlichkeit auf. Auch für die USA. Denn seit die US Air Force erstmals in der Menschheitsgeschichte Atombomben über die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 mit verheerender Wirkung abgeworfen hat, gibt es in Washington eine nukleare Sicherheitsdoktrin. Damals verdampften Menschen in der Hitze der Bombe. Von ihnen blieb nur noch Hiroshima nach dem Angriff.

Diese bestimmt die Sicherheit durch die Verfügbarkeit von weitreichenden Nuklearwaffenträgern und Gefechtsköpfen als Abschreckung. Diese Strategie ist zuerst durch die beiden Grossmächte USA und Sowjetunion entwickelt worden. Mit dem Erwerb von Nuklearwaffen haben andere Staaten wie China, Großbritannien, Frankreich, Indien, Pakistan und Israel diese Strategie weitgehend übernommen.

Die Grundlage dieser Abschreckungsstrategie beruht auf der Zerstörungswirkung eines sofortigen Vergeltungsschlages mit Nuklearwaffen nach einem gegnerischen atomaren Erstschlag oder der Drohung mit einem solchen.

Mit dem zahlenmäßig größer und präziser werdenden Nukleararsenal – im Augenblick könnten es 20 bis 30 nukleare Gefechtsköpfe sein – will Nordkorea sowohl die beiden Nachbarstaaten China und Russland, wie auch die USA vor einem nuklearen oder konventionell geführten Enthauptungsschlag gegen die eigene Führung und einer Intervention mit konventionellen Streitkräften abschrecken.

Diktator Kim Jong Un: Lehren aus dem Schicksal von Saddam Hussein und Gadaffi gezogen

Denn Kim Jong Un hat aus der Hilflosigkeit von Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi gegenüber den amerikanischen und europäischen Angriffen die Lehre ziehen müssen, dass ein Kleinstaat seine Sicherheit nur durch die Verfügbarkeit über ein glaubwürdiges Nukleararsenal durchsetzen kann.

Die Nuklearmacht Nordkorea wird, so auch eine chinesische Beurteilung, deshalb nie auf seine Nuklearwaffen verzichten können. Und ist auch nicht mehr militärisch erpressbar.

Einige US-Kommandanten fürchten, der Norden könnte schon jetzt einen Atomsprengkopf auf eine Rakete montieren. Admiral Bill Gortney, Chef des nordamerikanischen Aerospace Command, sagte dem Kongress vor zwei Jahren, dass er glaube, dass Pjöngjang bereits eine Mittelstreckenrakete einsetzen könnte, um eine nukleare Nutzlast zu transportieren. Was bedeute, dass sie Südkorea oder Japan treffen kann. Die allgemeine Geheimdienst-Annahme ist, dass der Norden jetzt 18 bis 36 Monate entfernt ist, um eine Atombombe auf eine Rakete zu montieren, die Los Angeles erreichen kann.

All dies erklärt, warum manche US-Militärs mit einem Erstschlag liebäugeln. Im November 2016 stellte General Walter Sharp, ehemaliger Kommandeur der US-Streitkräfte in Korea fest: Wenn Nordkorea eine Langstreckenrakete auf eine Abschussrampe legt, und die USA sich ihrer Nutzlast nicht sicher sind, sollte Washington einen präventiven Angriff starten, um sie zu zerstören.

Ein weiterer bewaffneter Konflikt auf der Halbinsel ?

Sollte der Tag kommen, da Präsident Trump glaubt, dass er einen präventiven Schlag gegen Ziele in Nordkorea führen muss, um eine direkte Bedrohung zu beseitigen, werden die USA aber nicht in der Lage sein, die gesamte nordkoreanische Artilleriefront in die Nähe der Grenze zu treffen. „Nicht ohne taktische Atomwaffen zu benutzen“, betonte der ehemalige Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrates, Victor Cha, „was die USA nicht in Betracht ziehen werden, da Seoul gefährdet wäre. Ein US-Schlag würde den 2. Koreakrieg auslösen.“

Und der hätte für Südkorea schreckliche Folgen. Um das zu ermessen genügt ein Blick in die Vergangenheit. Während des Koreakrieges von 1950 bis 1953 starben etwa 2,7 Millionen Koreaner zusammen mit 33.000 Amerikanern und 800.000 Chinesen.

In jedem Präventivschlag-Szenario würden die USA versuchen, den Schlag nur begrenzt auszuführen. Gleichzeitig würde Washington in irgendeiner Weise signalisieren – vermutlich über den chinesischen Verbündeten des Nordens -, dass es keinen größeren Krieg suche.

National Security Adviser H.R. McMaster (li.) mit Trump: Option „kurz vor dem Krieg“ auf dem Tisch

Aber die USA werden ohnedies kaum als erste angreifen. Trump’s National Security Adviser H.R. McMaster sagte am 16. April, jede Option „kurz vom Krieg“ ist auf dem Tisch, um den Norden von der Bereitstellung von „Nukes“ auf Langstrecken-Raketen abzubringen. „Keiner sucht hier einen Kampf“, betont ein anderer Trump-Berater.

Denn wenn die USA einen präventiven Angriff startet, wird Kim wahrscheinlich sofort zurückschlagen, beginnend mit einem Artillerie-Sperrfeuer – Tausende Runden pro Stunde. „Ohne einen einzigen Soldaten in seiner Million-Mann-Armee zu bewegen könnte der Norden einen verheerenden Angriff auf Seoul starten“, erklärte der ehemalige CIA-Analytiker Bruce Klingner, der jetzt bei der Heritage Foundation engagiert ist. Würden die beiden Seiten in so einer Situation noch zur Deeskalation fähig sein?

Kim’s Armee könnte sogar das gesamte Südkorea besetzen, bevor US-Verstärkungen aus Japan und anderswo ankommen würden. Diese Invasion könnte durch die Terrorisierung der südkoreanischen Bevölkerung mit chemischen Waffen beginnen, schrieb der Nordkorea-Experte Victor Cha schon 2012 in seinem letzten Buch „The Impossible State“. Er war als Mitglied des nationalen Sicherheitsrates der Nordkorea-Berater des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush und arbeitet heute am Center for Strategic & International Studies und an der Georgetown University in Washington.

„Ein Arsenal von 600 chemisch bewaffneten Scud-Raketen würde auf alle südkoreanischen Flughäfen, Bahnhöfe und Schiffshäfen abgefeuert werden, was es den Zivilisten unmöglich macht, zu entkommen“, schrieb Cha. Das Arsenal des Nordens von Mittelstrecken-Raketen könnte auch mit chemischen Sprengköpfen ausgerüstet und in Richtung Japan gestartet werden, was die Bewegungsfähigkeit der US-Verstärkungen einschränkten würde.

Diese Verstärkung wäre aber im Kriegsfall dringend nötig, weil die USA nur 28.000 Soldaten in Südkorea stationiert haben. Und die lokalen Streitkräfte der Regierung in Seoul sind zwar weit besser ausgebildet und ausgerüstet als die 1 Million-Mann-Armee des Nordens. Aber der Anzahl nach um mehr als 400.000 weniger. Daher glauben die US-Kriegsplaner, dass die nordkoreanischen Streitkräfte versuchen würden, die Verteidigung Südkoreas zu überrennen um nach Seoul zu gelangen, bevor die USA und der Süden mit überwältigender Stärke reagieren könnten.

Doch die USA und Südkorea haben letztlich eine enorme Feuerkraft. Und wenn Kim Jong Un tatsächlich einen Krieg beginnt, wäre es das Ende seines Regimes. Aber es wäre nicht ein einwöchiger Spaziergang für die Alliierten. Im Pentagon rechnet man vielmehr damit, dass es eine vier- bis sechsmonatige intensive Auseinandersetzung mit vielen Toten wäre.