Tod im Porsche: Ehemalige „Miss Bagdad“ erschossen

Der irakische Social-Media-Star und Model Tara Fares, 22, ist tot. In Bagdad erschossen wie ein Mafiaboss. In ihrem Porsche. Sie war 2015 Miss Bagdad und Zweite beim „Miss Irak“-Wettbewerb. Zuvor gab es bereits drei andere ungeklärte Todesfälle von prominenten irakischen Frauen aus der Beauty-Szene. Möglicherweise ein Feldzug radikaler Islamisten gegen Frauen, die ungeniert ihr eigenes Leben führen.

Autoren:  Eliza Mackintosh , Hamdi Alkshhali, Raniah Salloum (CNN)

Als Tara Fares, damals 19 und Christin, 2015 zu einem Schönheitswettbewerb antreten wollte, unterstützte sie ihre Familie. „Nach allem, was sie mir angetan hatten, konnten sie auch nicht anders“, sagte Fares in einem der Interviews.

Exzentrische Schönheitskönigin Tara Fares: Das Leben in der Öffentlichkeit wurde ihr zum Verhängnis

In Bagdad aufgewachsen, verließ sie die Schule in der Mittelstufe. Ihre Eltern zwangen sie, mit 16 zu heiraten. Der von ihnen ausgesuchte Ehemann verprügelte sie immer wieder.

Als ihr Vater davon erfuhr, holte er sie wieder nach Hause. Dort stellte sie fest, dass sie schwanger war. Während der Schwangerschaft hörte sie nichts von ihrem Ehemann. Doch als ihr Sohn auf der Welt war, schickte der Mann ihr Bewaffnete ins Haus und holte sich das Kind mit Gewalt.

Fares hätte wohl kaum eine Chance gehabt, das Sorgerecht für ihren Sohn zu bekommen. Über Nacht entschied sie in einem Interview: „Jetzt reicht es. Ich lasse alles hinter mir. Ich gehe in die Türkei“.

Reality-TV-Show nach dem Vorbild der Kardashians

Die Influencerin plante eine Reality-TV-Serie für den arabischen Markt. Ihr Vorbild war die US-Serie „Keeping Up with the Kardashians“ gewesen, die der Kardashian-Familie Millionen einbrachte.

In der Türkei begann Fares, Videos auf Facebook hochzuladen. Die vielen Reaktionen, die sie daraufhin bekam – Zustimmung wie Hass – ermutigten sie. “Ich mache das, was ich für richtig halte, ich ziehe die Klamotten an, die ich für richtig halte, nicht die, die andere gut finden. Das ist meine Sache, denn dies ist mein Leben“, sagte sie in den Aufnahmen für ihre Serie. „Niemand kann mir sagen, was ich tun, essen, trinken und wohin ich gehen soll.“

Die Siegerin im Schönheitswettbewerb 2015 heißt Shimaa Qasim. Sie rückte sich damals die Krone zurecht, nahm das Mikrofon und sagte: „So stelle ich mich dem Terrorismus entgegen! So zeigen wir, die Iraker, dass wir kämpfen um das Überleben und dass wir weitermachen. Das haben wir heute bewiesen.“ Es war das erste Mal, dass der irakische Schönheitswettbewerb nach 43 Jahren wieder stattfand.

Die meist exzentrisch auftretende Tara Fares lebte zwar in Erbil im Nord-Irak, besuchte aber gelegentlich die Hauptstadt. Sie war berühmt für ihre kühne Kleidung und Beiträge in sozialen Medien. Ihre langen Haare trug sie gern offen, mal waren sie rot, mal schwarz, grau oder blond.

Drei Millionen Follower auf Instagram

Die Lippen hatte sie aufspritzen lassen, ihr Augen-Make-up war geprägt von den sorgfältig dick ausgemalten Brauen. Knapp drei Millionen Menschen folgten dem bekannten irakischen Model auf Instagram.

Tara Fares vor ihrem Porsche, in dem sie erschossen wurde: Hinrichtung wie bei einem Mafiaboss

„Sie hat viele Hasskommentare bekommen, aber das war ihr egal. Ihr war egal, was andere dachten“, sagt Haider Alwash, ein Freund und Arbeitskollege. Tara Fares hatte in ihrem kurzen Leben schon viel mehr überstanden als Anfeindungen. Bis ihr Leben am 27. September endete wie das eines Mafiabosses.

Es war kurz nach 17 Uhr, als Fares mit ihrem Porsche langsam durch eine belebte Wohnstraße in Bagdad fuhr. Ein schlanker Mann in weißem Hemd beugte sich zum Fahrerfenster. Er feuerte drei Schüsse auf sie, zwei in den Kopf, einen in die Brust. Fares sackte auf dem roten Sitz zusammen. Ihr Mörder lief zu einem Motorrad, dessen Fahrer auf ihn wartete. Die beiden flüchteten. So zeigen es die Aufnahmen einer Überwachungskamera.

Mord an einer Menschenrechtlerin in Basra

Grabstelle der Influencerin Fares in Nadschaf: Ungeniert ihr eigenes Leben geführt. Foto: ANMAR KHALIL / AP

Fares‘ Ermordung hat viele Iraker schockiert. Ihre Exekution am helllichten Tag scheint Teil einer neuen, unheimlichen Serie zu sein: Wenige Tage zuvor war im rund 450 Kilometer entfernten Basra die Menschenrechtlerin Suad al-Ali erschossen worden. Auf einem Markt im Freien von einem unbekannten Scharfschützen. Die 46-Jährige unterstützte die Proteste gegen die Regierung, die seit Wochen den Südirak erschüttern.

Im August sind zwei bekannte Frauen von Bagdads Schönheitsindustrie gestorben. Am 16. wurde Rafeef al-Yaseri, eine bekannte Schönheitschirurgin mit über 1,4 Millionen Instagram-Followern – bekannt als die „Barbie des Irak“ – tot aufgefunden. Sie war plastische Chirurgin und organisierte nationale Programme, die sich auf medizinische Angelegenheiten für Frauen spezialisierten.

Gleich darauf wurde auch Rasha al-Hassan, die prominente Eigentümerin und Managerin des Viola Beauty Center in Bagdad, gleichfalls unter mysteriösen Umständen tot in ihrem Haus aufgefunden, berichtete „The Independent“. Es gibt Gerüchte, die beiden seien vergiftet worden. Fares, das Model, scheint die Chirurgin Hassan gekannt zu haben, zumindest hat sie nach deren Tod auf Instagram kondoliert.

Unklar ist, ob die vier Fälle miteinander zu tun haben. Premierminister Haider al-Abadi ordnete eine Untersuchung an, mutmaßte aber, es bestehe kein Zusammenhang zwischen den Todesfällen.

Feldzug radikaler Islamisten gegen Frauen

Viele Iraker sehen das anders. Sie vermuten einen Feldzug radikaler Islamisten gegen Frauen, die ungeniert ihr eigenes Leben führen. Aktivisten leben im Irak gefährlich, das ist nicht neu. Doch Tara Fares hatte sich kaum je politisch geäußert und war vor allem durch ihren extravaganten Lebensstil aufgefallen, den sie über Instagram und Snapchat mit Millionen teilte.

„Tara wurde nicht aus einem privaten Motiv umgebracht. Ihre Ermordung richtet sich grundsätzlich gegen Frauen, die wie sie sind“, sagt Haider Alwash. „Es geht um ihre Fotos, ihre Kleidung. Manche haben sie als Abtrünnige beschimpft. Ihr Verhalten sei gegen den Islam.“

Iraks Premierminister Haider al-Abadi: Untersuchung angeordnet

Stecken also schiitische Islamisten hinter der Mordserie? Premierminister Al-Abadi befahl dem Innenministerium und der irakischen Geheimdienstabteilung, die Ermordungen und Entführungen in Basra, Bagdad und anderswo zu untersuchen, teilte das Ministerium in einer Erklärung mit.

Die Rolle der Frauen hat sich in den vergangenen Jahren im Irak wieder geändert. Viele von ihnen übernehmen erneut – wie damals unter der sozialistischen Herrschaft – mehr Verantwortung, verdienen ihren eigenen Lebensunterhalt, unabhängig von einem Mann, und schämen sich nicht dafür.

Tara Fares tat zudem etwas, was es im Irak bisher nicht gab: Sie machte, was sie wollte, für alle sichtbar auf Instagram und Snapchat – soziale Medien, die im Nahen Osten noch viel stärker genutzt werden als in Deutschland und Österreich.

Schiitischen Kleriker als verlogen angeprangert

Und sie legte sich mit Autoritäten an. So verspottete Fares in einem Video einen schiitischen Kleriker als verlogen. Der Mann soll sie gefragt haben, ob sie eine „Ehe auf Zeit“ eingehen wolle – eine schiitische Praxis, die es ermöglicht, religiös konformen Sex ohne dauerhaftes Ehebündnis zu haben. „Ich mache nichts im Dunkeln wie viele andere. Alles, was ich tue, tue ich im Tageslicht“, postete sie.

Eigentlich lebte Tara Fares nicht in Bagdad, sondern im sicheren nordirakischen Erbil. Zwei-, dreimal pro Monat fuhr sie nach Bagdad, so erzählt es Haider Alwash. Dort drehte sie Werbefilme für Snapchat oder arbeitete an ihrem nächsten Projekt. „Sie wollte eine eigene Marke für Mascara, Kajal und andere Kosmetikprodukte auf den Markt bringen. Und sie wollte einen Schönheitssalon in Erbil eröffnen“, sagt Alwash.

Ein Video, das die Influencerin für ihre geplante Reality-TV-Serie gedreht hatte, zeigt sie mit drei Freunden der irakischen Jeunesse dorée beim Billardspielen in einem Café in Arbil. Vor dem Café parken neue BMWs und Land Rover. Einem kleinen Buben erlaubte sie, ein Selfie mit ihr zu machen.

„Wir haben ihr immer gesagt, geh nicht so oft nach Bagdad, da ist es nicht sicher«, sagt Freund Alwash. „Aber sie antwortete nur: ´Pff, da ist nichts in Bagdad`.“ Es habe keine konkreten Morddrohungen gegen sie gegeben, nur viele Hasskommentare der Islamisten.

Im Juli 2017 wurde Karar Nushi in der irakischen Hauptstadt entführt, gefoltert und erstochen. Er galt als eine Art irakischer Brad Pitt, ein Schauspieler und Model mit langen blonden Haaren, der gern in engen Jeans posierte. Er war Schiit wie Fares, die in Nadschaf, einer für Schiiten heiligen Stadt, beerdigt wurde. Wie sie hatte er Drohungen erhalten. Wer ihn ermordete, ist über ein Jahr später noch unklar. Im Fall Fares hingegen wurde inzwischen ein Tatverdächtiger festgenommen.