Staatsaffäre Uwe Barschel: So hat ihn der israelische Mossad ermordet

Der abgesprungene Mossad-Agent Victor Ostrovsky beschrieb in einem Buch detailliert die Ermordung des einstigen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein. Doch die Staatsanwaltschaft in Lübeck verzichtete auf diesen wichtigen Zeugen in der Staatsaffäre und schloss den Akt. Sie wollte die Widersprüche und Mängel in den Untersuchungen des Tathergangs offenbar gar nicht wissen.

Autor: Wolfgang Freisleben

Das hatte sich Uwe Barschel nicht verdient. Er war am 11. Oktober 1987 tot in seinem Zimmer des Genfer Hotels Beau Rivage tot aufgefunden. Und die Schweizer Polizei machte daraus einfach einen Selbstmord. Die Staatsanwaltschaft in Lübeck folgte willig dieser Erklärung. Obwohl die Umstände alles andere als dies bewiesen.

Auf unblutige Weise ermordet: Der deutsche Politiker Uwe Barschel vor 30 Jahren auf Zimmer 317 im Hotel Bau-Rivage

In dieser Staatsaffäre wurde gelogen und vertuscht. Von der Polizei, der Justiz, den Medien. Erkenntnisse von Forensikern wurden glatt negiert. Immer wieder ereigneten sich danach rätselhafte Zwischenfälle, die die Ermittlungen ins Stocken brachten. Wichtige Zeugen starben unter ungeklärten Umständen. Sie fielen aus dem Fenster, erlitten Herzattacken oder begingen – angeblich – Selbstmord. Akten verschwanden. Archive brannten ohne ersichtliche Ursache aus. Je mehr sie sich bemühten, desto stärker entstand bei den Ermittlern der Eindruck, dass die Geheimdienste ihre Finger im Spiel hatten – und bis heute haben.

Als der deutsche TV-Sender Kabel 1 am 18.3.2018 um 20.15 Uhr seine Kriminalsendung „Die spektakulärsten Fälle“ starteten, wurde auch „Der Fall Uwe Barschel“ avisiert. Erstaunlicherweise kam dabei der heißeste Verdächtige gar nicht vor: Der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad. Auch der innig involvierte deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) wurde nicht belangt.

Ein ehemaliger Mossad-Agent deckt auf

Ehemaliger israelischer Agent Victor Ostrovsky: Klagte in seinem Buch den Mossad an

Seit 1994 wurden beide aber von dem abgesprungenen ehemaligen Mossad-Agenten in dem Buch „Geheimakte Mossad – Die schmutzigen Geschäfte des israelischen Geheimdienstes“ öffentlich angeklagt.

Der Ex-Agent war von Israel in seine Heimat Kanada zurückgekehrt und veröffentlichte dort zwei Mossad-Bücher, die er schon in Israel während seiner aktiven Zeit vorbereitet und mit Kollegen besprochen hatte. Wegen der Brisanz wollte Israel die Erscheinung in den USA mit einer einstweiligen Verfügung verhindern. Doch der Verlag hatte heimlich schon Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart die Buchhandlungen landesweit beliefert. Ein Rückruf war nicht mehr möglich.

Auch ein Kidnapping-Versuch, mit dem Victor Ostrovsky natürlich gerechnet hatte, schlug fehl. Als er nach Hause fuhr, sah er 100 Meter vor seinem Haus einen unauffälligen Kastenwagen und wusste, dass seine Ex-Kollegen da waren. Als sie an der Haustüre klingelten, war er durch die Hintertür und auf einem bereitstehenden Motorrad zu seinem Verleger geflüchtet, der ihn versteckte.

Ostrovsky beschrieb jedenfalls in seinem Buch auf 14 Seiten Details des Mordes bis ins Kleinste und auch die Hintergründe. So, als ob er involviert gewesen wäre. Nachfolgend die Fakten:

Genaue Schilderung des Mordes und der Hintergründe

Zunächt ging es um die Operation „Hannibal“, einen Waffendeal zwischen Israel und dem Iran. Der deutsche Bundesnachrichtendienst BND war dabei eingebunden.

Iran benötigte Ersatzteile für seine amerikanischen „Phantom F-4“ Kampfflugzeuge im Krieg gegen den Irak, über die Israel verfügte, aber keinen offiziellen Kontakt mit Teheran haben wollte. Die Teile wurden daher im israelischen Hafen Ashdod in speziellen Containern auf Schiffe verladen und in verschiedenen italienischen Häfen auf LKW’s mit Werbetafeln italienischer Produkte umgeladen. Der italienische Geheimdienst „SISMI“ beschaffte alle notwendigen Papiere. Die italienischen Verbündeten Licio Gelli und seine Geheimloge „Propaganda 2“ mit der Gruppe Gladio stellten die Fahrer.

In Hamburg übernahmen israelische Fahrer die LKWs. Auf einem ehemaligen Flughafen nahe Kiel wurde die Ware dann von einem iranischen Flugzeugingenieur inspiziert und nach Dänemark weiter geschleust. Dänische Schiffe brachten sie in den Iran.

Uwe Barschel lehnte den israelischen Waffendeal ab

Amerikanische Kampfflugzeuge F-4 Phantom: Israel schickte Ersatzteile für den Iran über dänische Häfen

Als in Dänemark eine politische Krise ausbrach, weihte der BND Uwe Barschel als damaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein detailliert ein und fragte um Erlaubnis, die dortigen Häfen für die Überführung der Waffen in den Iran benutzen zu dürfen.

Doch Barschel lehnte knapp vor der nächsten Wahl ab. Daraufhin brach bei allen anderen Beteiligten Panik aus, dass Barschel womöglich den deutschen Kanzler Helmut Kohl informieren könnte. Da beschloss der Mossad, Uwe Barschel zu eliminieren.

Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer wurde bestochen und erhielt den Decknamen „Whistler“ (englisch: „to whistle“ = pfeifen). Dafür verschwieg der Mossad seine Misshandlung einer Hamburger Prostituierten.

Laut Ostrovsky fütterte der Mossad gleichzeitig den Verfassungsschutz des Bundeslandes mit falschen Anschuldigungen über angeblich geheime Waffengeschäfte und sonstige illegale Transaktionen von Barschel an. Auch dessen Bruder wurde mit hineingezogen.

„Whistler“ verbreitete dann verleumderische Informationen über Barschels Gegenkandidaten bei der bevorstehenden Neuwahl, Björn Engholm, die Barschel in die Schuhe geschoben wurden. Dessen Dementis kamen zu spät. Er sah sich gezwungen zurücktreten. Engholm übrigens 1993 auch, weil er als Zeuge vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der Barschel-Affäre falsch ausgesagt hatte.

Wie der Mossad die Tat vorbereitete

CDU-Ministerpräsident Rainer Barschel im Wahlkampf 1987: Israelische Waffenschieberei über Häfen von Schleswig-Holstein abgelehnt

Doch zurück zu 1987. Barschel drohte damals, nach seiner allfälligen Niederlage bei der Wahl die Umtriebe des BND offenzulegen, der wiederum seine Informationen vom Verfassungsschutz erhalten hatte, dessen Quelle der Mossad war. Dieser wurde nun um Hilfe gebeten. Ob sich der BND der Anstiftung zum Mord schuldig gemacht hat, wurde nie untersucht.

Barschel wurde jedenfalls während eines Kurzurlaubs mit seiner Frau in Gran Canaria von einem Agenten mit dem Decknamen „Ran“ angerufen der behauptete, ihm Informationen zu seiner Reinwaschung geben zu können. Barschel flog umgehend nach Genf. Dort traf auch ein Mossad-Team aus Brüssel kommend ein.

In Barschels Zimmer Nr. 317 im Nobelhotel Beau-Rivage versprach Ran dem Politiker eine großzügige finanzielle Abfindung, wenn er die Sache nicht weiterverfolge. Geld spiele keine Rolle.

Das Angebot machte Barschel wütend. Er wollte kein Geld. Es ging ihm um seinen Ruf. Nun versprach Ran die Beweise zu holen.

Zuvor verließ er das Zimmer kurz, um telefonisch die Zustimmung für die Beseitigung des Deutschen vom damaligen Mossad-Chef Nachum Admoni einzuholen, der am selben Tag wie Barschel nach Genf gekommen war und im Hotel Des Bergues in derselben Straße am Genfer See wohnte wie Barschel. Er hatte sich unter dem Namen P. Marshon eingetragen.

Der Mossad schaltete einen BND-Kontaktmann ein

Ran rief auch noch den Mossad-Verbindungsmann an, der in einem sicheren Haus wartete. Er bat ihn, seinen eingeweihten BND-Kontaktmann anzurufen, der Barschel in seinem Hotelzimmer zurückrufen solle, um ihn zu beruhigend und zu sagen, dass alles gutgehen würde. Barschel entspannte sich daraufhin und trank Rotwein. Ran täuschte Magenbeschwerden vor und lehnte den Wein ab; er nahm nur etwas Käse zu sich.

Er wusste, dass die von ihm bestellte Rotweinflasche Beaujolais von einem Mossad-Agenten mit einem Betäubungsmittel präpariert worden war, so dass Barschel in etwa einer Stunde ohnmächtig werden würde. Mit dem Versprechen, entlastende Papiere holen zu wollen, verließ Ran das Zimmer.

Mossad-Chef gab persönlich den Mord-Auftrag

Andere Team-Mitglieder schafften in Vorbereitung auf den letzten Akt Eisbeutel auf ihre Zimmer im 4. Stock. Ran gab ihnen nun grünes Licht. Sie warteten eine Stunde und kontrollierten per Telefon. Als sich Barschel nicht meldete, drangen sie in sein Zimmer ein.

Der Politiker lag auf dem Boden rechts neben dem Bett. Er war ohnmächtig aus dem Bett gefallen und wurde wieder hinein gelegt. Fünf Leute befanden sich zu dem Zeitpunkt im Raum. Vier kümmerten sich um das Opfer, und einer füllte die Badewanne mit Wasser und Eis. Das Geräusch übertönte jedes andere.

Ein langer, gut geölter Gummischlauch wurde dem schlafenden Mann in den Hals geschoben, langsam und vorsichtig, um ihn nicht zu ersticken. Einer schob den Schlauch, während ihn die anderen Männer für den Fall einer plötzlichen Konvulsion festhielten. Sie alle hatten so etwas schon vorher gemacht.

Dem bewusstlosen Barschel wurden weitere Medikamente verabreicht

Hotel Beau Rivage in Genf: Tatort für ein ungeklärtes Verbrechen, das zu durch Vertuschung und Manipulation zu einer Staatsaffäre wurde

Sobald der Schlauch den Magen erreicht hatte, brachten sie am oberen Schlauchende einen kleinen Trichter an, durch den sie nun verschiedene Pillen einführten, dazu ab und zu etwas Wasser, damit sie auch tatsächlich den Magen erreichten.

Danach wurde dem Mann die Hose heruntergezogen. Zwei Männer hielten seine Beine hoch, und ein Dritter führte ihm rektal Zäpfchen mit einem starken Sedativ und einem fiebererzeugenden Mittel ein. Mit einem Thermometer auf die Stirn beobachteten sie seine Temperatur.

Nach einer Stunde hatte er hohes Fieber bekommen und wurde, wieder angezogen, in das Eisbad gelegt. Der Schock rief starke Körperzuckungen hervor. Der plötzliche Temperaturwechsel im Verein mit der Wirkung der Medikamente erzeugte etwas, was wie eine Herzattacke aussah. Nach ein paar Minuten stellte das Team fest, dass er wirklich tot war und begann das Zimmer aufzuräumen, um keine Spuren zu hinterlassen.

Sie erkannten nun, dass es ein Fehler war, dem Mann nicht die Kleider auszuziehen, bevor sie ihn in die Wanne legten. Aber es war zu spät, das noch zu ändern. Sie merkten auch, dass die Ersatzweinflasche, die sie mitgebracht hatten, zwar ein Beaujolais war, aber nicht die richtige Marke, so dass sie keine Flasche hatten, um sie dazulassen.

Die Lage war gespannt. Die Agenten hatten mehrere Stunden in dem Raum zugebracht. Einige von ihnen waren mehrmals hinausgegangen und wiedergekommen. Dass sie neben einer toten oder sterbenden Person Wache hielten, wäre wohl kaum zu erklären gewesen.

Zwei Agenten verließen das Hotel noch am selben Abend, das zweite Paar erst am nächsten Morgen. Die übrigen Mitglieder des Teams hatten die Stadt noch in derselben Nacht mit dem Wagen verlassen und fuhren zurück nach Belgien in die Sicherheit des europäischen Mossad-Hauptquartiers. Der Mossad-Chef erhielt als Beweis für die Untat ein Polaroidfoto von dem Toten.

Staatsanwaltschaft verzichtete auf den Zeugen und schloss den Akt

Ein deutscher Foto-Reporter von der Illustrierten Stern ignorierte am nächsten Tag das Schild „Bitte nicht stören“, entdeckte den Toten und machte Sensations-Fotos.

Die Lübecker Staatsanwaltschaft hielt 1998 in ihrem Abschlussbericht fest: „Mit Rücksicht auf die offenkundigen Diskrepanzen wurde von der beabsichtigten zeugenschaftlichen Vernehmung des Ostrovsky Abstand genommen.“ Die Mossad-Spur wurde also nicht weiter verfolgt…