Als Israel Georgien für den Krieg gegen Russland aufrüstete

In Georgien könnte erstmals eine Frau Präsidentin werden. Sie ist angeblich russen-freundlich. Tatsächlich aber sagte sie nichts anderes als die Wahrheit: Dass nämlich vor 10 Jahren nicht Russland den Krieg begonnen hat, sondern Georgien die abtrünnige Provinz Südossetien angegriffen hat. Israel mischte damals bei der Aufrüstung von Georgien kräftig mit. Hunderte israelische Reserve-Offiziere bereiteten die Armee 2008 auf den Krieg vor. Russland besiegte sie in 5 Tagen.

Autor: Wolfgang Freisleben

Die Präsidentschaftswahl vom Sonntag wird in Georgien im Dezember prolongiert. Von den zuvor 25 Kandidaten gehen dann zwei in die Stichwahl: Die frühere französische Botschafterin Salome Surabischwili erhielt 38,7 Prozent der Stimmen, Grigol Waschadse 37,7 Prozent.

Salome Surabashwili: Im Dezember als erste Frau in der Stichwahl um das Präsidentenamt

Die in Paris in einer georgischen Emigrantenfamilie geborenen Surabaschwili, 66, war nach der „Rosenrevolution“ 2003 vom Revolutionssieger und Präsidenten Saakaschwili als Außenministerin nach Georgien geholt worden. Sie wäre die erste Frau an der Staatsspitze.

Zu ihren Verdiensten als Außenministerin wird die Vereinbarung über den Abzug russischer Truppen aus Stützpunkten in Georgien gezählt. Nachdem sie sich mit Saakaschwili zerstritten hatte und von ihm entlassen wurde, gründete Surabischwili wenig erfolgreich eine eigene Partei. Nun wird sie von der regierenden Partei „Georgischer Traum“ des Milliardärs Bidsina Iwanischwili unterstützt. Für die Präsidentenwahl gab sie ihre französische Staatsbürgerschaft auf.

Kontroverse um Krieg in Südossetien 2008

Kritiker werfen der Kandidatin vor, zu russlandfreundlich zu sein und die nationalen Interessen zu verraten. Besonders umstritten sind ihre Äußerungen über den russisch-georgischen Krieg in Südossetien im August 2008. Die ehemalige Außenministerin löste eine Welle der Empörung aus, als sie dem damaligen Präsidenten Mikheil Saakaschwili die Hauptschuld am Krieg gab. Sie beschrieb ihn damals als „wahnsinnig“.

Saakaschwili war von 2004 bis 2013 Staatschef von Georgien. Nach einer Anklage wegen Korruption flüchtete er in die Ukraine. Dort wurde er Gouverneur der Schwarzmeer-Hafenstadt Odessa. Dafür erhielt er vor zwei Jahren die ukrainische Staatsbürgerschaft. Poroschenko entzog ihm diese jedoch nach einem Streit. Seitdem ist Saakaschwili staatenlos.

Tatsächlich hatte das georgische Militär am 8. August 2008 mit einem brutalen Überraschungsangriff die südossetische Stadt Zchinwali angegriffen. Es war daher ziemlich grotesk, als der georgische Minister für territoriale Integrität, Temur Yakobashvili, nach dem georgischen Angriff internationale Unterstützung einforderte. „Wir sind jetzt im Kampf gegen das große Russland“, sagte er, „und unsere Hoffnung ist, Hilfe vom Weißen Haus zu erhalten, weil Georgien nicht allein überleben kann. Es ist nicht nur Angelegenheit Georgiens, sondern der ganzen Welt“.

Waffenhilfe bekam die Regierung zwar von niemandem. Die amerikanischen Mainstream-Medien nannten als Aggressor aber wenigstens wie üblich Russland. Die europäischen Medien und EU-Politiker folgten ihnen wieder einmal blindlings und völlig unkritisch.

Russisches Militär bei einer Übung in Abchasien: Schutzmacht für die abtrünnigen Provinzen Südossetien und Abchasien

Nach einem verlustreichen fünftägigen Krieg mit Russland wurde die Abtrennung Südossetiens und Abchasiens, einer weiteren abtrünnigen Provinz, aber endgültig Realität. Die Osseten sind im Unterschied zu den Georgiern kein südkaukasisches Volk. Die Ethnien sind nicht miteinander verwandt. Die Osseten gelten als Nachkommen nordostiranischer Stämme. Bereits im 19. Jahrhundert wurde Südossetien von georgischen Machthabern regiert, während der nördliche Teil unter russischem Einfluss stand.

Nach dem Zusammenbruch des zaristischen Reiches schien das Schicksal des ossetischen Volkes besiegelt. Mit der Unabhängigkeitserklärung Georgiens 1918 wurde Ossetien aufgeteilt, der nördliche Teil kam zu Russland, der südliche Teil wurde Georgien zugeschlagen. Mit der Entstehung der Sowjetunion wurde Südossetien ab 1922 ein autonomes Gebiet innerhalb der georgischen Sowjetrepublik.

Enge Verstrickung Israels in den Konflikt mit Russland

Die Unterschiede der Berichte israelischer Medien wie der zweitgrößten Tageszeitung Haaretz und dem Internet-Nachrichtendienst Ynetnews.com könnten gegenüber jenen amerikanischer und europäischer Medien größer nicht sein. In Israel wurde nämlich schonungslos über die enge Verstrickung in den Konflikt diskutiert. Das mindestens gleichwertige amerikanische Engagement in Georgien wurde aber auch dort nicht  erwähnt.

Westliche Medien berichteten indes von amerikanischen Ausbildnern, verschwiegen aber wiederum das israelische Engagement. Beide Länder und damit die Rüstungsexport-Nationen Nr. 1 und Nr. 4 hatten sich jedenfalls in Georgien erstmals auf internationaler Bühne offen als militärische Interventions-Partner zumindest im Kaukasus offenbart.

Von israelischen Reserveoffizieren trainiert: Georgische Truppen während eines multinationalen Manövers

Neben dem Ruf nach amerikanischer Hilfe drängte ein Parlamentarier ziemlich irreal: „Wir brauchen Hilfe von der UNO und von unseren Freunden, angefangen von den Vereinigten Staaten und Israel. Heute ist Georgien in Gefahr, morgen alle demokratischen Länder in der Region und in der ganzen Welt.“

Die Kämpfe zwischen Russland und Georgien haben jedenfalls Israels Verwicklung in den Konflikt auffliegen lassen und in Israel zu heftigen Diskussionen geführt. Wie der israelische Nachrichtendienst Ynetnews.com berichtete, ging es um die Lieferung riesiger Mengen modernster Waffen an Georgien und das Training von georgischen Bodentruppen.

Zwei israelische Minister im georgischen Kabinett

Am 15. August 2008 zitierte die israelische Tageszeitung Haaretz den georgischen Präsidenten sogar mit der Aussage: „Wir haben zwei israelische Mitglieder im Kabinett. Sowohl Krieg als auch Frieden sind in den Händen von israelischen Juden“.

Gemeint waren Verteidigungsminister David Kezerashvili und der Minister für territoriale Integration, Temur Yakobashvili. Beide stammen aus Israel und sprechen fließend hebräisch. Diese engen Bande führten dazu, dass Israels überdimensionierte Waffenindustrie seit 2002 den russischen Nachbarn mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern ergänzend zu den USA und bezahlt mit US-Finanzhilfen in großem Stil aufgerüstet hat.

Als Vermittler und Provisionsempfänger traten Spitzen des israelischen Militär-Establishments wie der ehemalige israelische Minister und Bürgermeister von Tel Aviv, Roni Milo, und dessen Bruder Shlomo, ehemals Generaldirektor des staatlichen Rüstungskonzerns Israel Military Industries (IMI), in Erscheinung. Alle Lieferungen von Verteidigungs- wie auch Angriffswaffen wurden vom israelischen Verteidigungsministerium genehmigt.

Außerdem hatten Berichten zufolge hunderte israelische Reserve-Offiziere und Soldaten gegen üppige Bezahlung seit dem vorangegangenen Winter die georgische Armee für einen Krieg trainiert.

Ihren Unmut über diese israelischen Aktivitäten zeigten die Russen immer wieder deutlich. Während der letzten Monate vor dem Krieg schossen sie über Süd-Ossetien u. a. drei unbemannte israelische Hermes 450 UAV Spionage-Flugzeuge ab, die auch mit Raketen oder Bomben bestückt als Angriffswaffen eingesetzt werden können.

In mehrtägigen Angriffen zerstörte die russische Luftwaffe schließlich nicht nur das israelisch-amerikanische Waffenarsenal, sondern auch zwei Militärflughäfen, die für die israelische Luftwaffe – angeblich aber nur für eventuelle Angriffe auf den Iran – reserviert waren.

Sondersitzung des israelischen Verteidigungsministeriums

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Wie die israelische Tageszeitung Haaretz berichtete, kam der Krieg gegen Russland für die israelischen Ausbildner nicht überraschend. Ihnen war aber klar, dass weder die georgischen Offiziere noch ihre Soldaten ausreichend für einen Krieg vorbereitet waren. Ein Ausbildner berichtete denn auch, dass die meisten der Soldaten, die er ausgebildet hatte, im Krieg getötet wurden. Er hatte Saakashwili gewarnt, dass die Armee noch nicht so weit sei, um einen krieg führen zu können.

Das israelische Verteidigungsministerium hielt nach Kriegsbeginn in Südossetien eine Sondersitzung ab, um die verschiedenen Waffengeschäfte von Israelis mit Georgien zu besprechen, ohne jedoch eine Änderung der Politik ins Auge zu fassen.

Die israelischen Aufrüstung der georgischen Armee begann sieben Jahre vor dem Krieg und wurde über georgische Geschäftsleute abgewickelt, die nach Israel immigriert waren.

Große Budgets für Waffenkäufe

„Sie nahmen Kontakt mit der Rüstungsindustrie und Waffenhändlern auf und sagten ihnen, dass Georgien relativ große Budgets hätten und interessiert seien, israelische Waffen zu kaufen“, zitierte Ynetnews aus Kreisen von Waffenexporteuren.

Die militärische Zusammenarbeit beider Länder entwickelte sich blitzschnell. „Seine Tür war immer für Israelis offen, die kamen und Waffensysteme ‚made in Israel‘ anboten,“ berichtet Ynetnews. „Im Vergleich zu anderen Ländern in Osteuropa wurden die Deals schnell abgeschlossen, was vor allem auf das persönliche Engagement des Verteidigungsministers zurückgeführt wird.“

Unter den Israelis, die von den Geschäften mit Georgien profitierten, waren der ehemalige Minister Roni Milo und sein Bruder Shlomo, ehemal Generaldirektor des Military Industry Konzern, sowie der Brigadier-General der Reserve, Gal Hirsch, und Generalmajor (Res) Yisrael Ziv.

Roni Milo vermittelte in Georgien Geschäfte für die beiden israelischen Rüstungskonzerne  Elbit Systems und Military Industries. Außerdem war er auch dabei, als Israels Rüstungsindustrie nach Georgien unbemannte Fahrzeuge (RPVs), automatische Gefechtstürme für gepanzerte Fahrzeuge, Flugabwehrsysteme, Kommunikationssysteme, Granaten und Raketen verkauften.

Hat Gal Hirsch aus Geldgier Kampfdoktrinen verraten?

Gal Hirsch: Als ehemaliger Brigadegeneral der Israeli Defence Forces (IDF) wegen Beratung in Georgien unter Beschuss

Israelischen Quellen zufolge beriet Gal Hirsch auch die georgische Armee bei der Formierung von Eliteeinheiten nach dem Vorbild der israelischen Sayeret Matkal und bei der  Wiederaufrüstung und hielt verschiedene Kurse ab im Bereich der Kriegsspionage und den Strategien von Kämpfen in bebauten Gebieten, die von den Israelis bei der Besetzung der Palästinenser-Gebiete entwickelt wurden.

Danach wurde ihm in Israel vorgeworfen, dass er aus reiner Geldgier die geheimen Kampfdoktrinen der israelischen Armee an Georgien verkauft und geheime Sicherheitsinstruktionen der israelischen Armee so sorglos verwendet habe, dass sie durchaus auch in das benachbarte und mehrheitlich schiitische Aserbeidschan weiter verkauft werden könnten.

Das Engagement brachte Israel auch Spott und Hohn seitens des damaligen Generalsekretärs der südlibanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah, Hassan Nasrallah, ein. Dieser führte nämlich anlässlich des 2. Jahrestages des desaströsen israelischen Libanon-Krieges des Jahres 2006 das militärische Versagen der georgischen Armee auf die Ausbildung durch den israelischen Brigadegeneral Gal Hirsch zurück, der als Kommandant einer Infanterie-Division der israelischen Armee (IDF) im Libanon-Krieg wegen schwerer Verluste zum Rücktritt gezwungen wurde.

Fünf Tage Krieg: Der Konflikt um Südossetien und Abchasien