Finanzkrise 2008 (2): Wie man durch Erpressung eine Bank killt

JPMorgan Chase konnte sich zu Beginn der Bankenkrise 2008 durch Erpressung um den Pappenstiel von 1,1 Milliarden Dollar die Investmentbank Bear Stearns einverleiben, die in Wahrheit ein Vielfaches wert war.  Gleichzeitig erhielt die größte US-Bank insgeheim 29 Milliarden Dollar von der Federal Reserve Bank of New York (NY Fed) als Geschenk. Es war eine geheime Rettungsaktion von Finanzminister Paulson und Fed-Präsident Geithner für JPMorgan Chase. Lehman Brothers ließen sie dann im September 2008 ungerührt pleite gehen.

Autor: Wolfgang Freisleben

Spätestens nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers drängte sich bei kritischen Beobachtern der Verdacht auf, dass hier ein kriminelles Spiel in der Wall Street gespielt wurde. Ein „Freß-Schach“ unter Banken, bei dem die Größeren die Kleinen verspeisten. Dieses wurde später auch Gegenstand von Untersuchungen im amerikanischen Kongress.

Die Drahtzieher dabei waren ganz offensichtlich:

  • Der damalige US-Finanzminister Henry „Hank“ Paulson, der zuvor die Konkurrenzbank Goldman Sachs geleitet hatte und alles dransetzte, um Goldman im Zuge der Krise viele Milliarden zuzuschieben.
  • Timothy Geithner, damals noch Präsident der Federal Reserve Bank of New York (NY Fed) und nach der ersten Rettungswelle dann Finanzminister.
  • Jamie Dimon, CEO von Amerikas größter Bank JPMorganChase und größter Gewinner der Kriminal-Story, obwohl seine Bank bereits im März 2008, also 7 Monate vor Lehman Brothers, eigentlich pleite war.

Federal Reserve Bank of New York: Im Zentrum der Vernichtung von Banken 2008

Diese Drei bewegten ein dreistelliges Milliarden-Karussell, bei dem JPMorgan Chase, der Hauptaktionär der NY Fed und mit Goldman Sachs ein weiterer Aktionär wie Phönix aus der Asche steigen konnten. Dazu muss man wissen, dass die US-Zentralbank Federal Reserve System (Fed) aus 12 selbständigen regionalen Fed-Banken besteht, die nicht dem Staat gehören, sondern großen Banken des jeweiligen Distrikts – überwiegend New Yorker Institute und deren regionale Banken-Töchter. Die NY Fed als Zentral- und Notenbank des größten Finanzzentrums der USA und weltweit dominiert das System.

Der Finanz-Krimi begann im März 2008

Zunächst hatten die Drei, unbeachtet von der Öffentlichkeit, die fünftgrößte US-Investmentbank Bear Sterns im Visier. Deren Boss Alan Schwartz war in der Branche nicht gerade beliebt. Denn er hatte 1998 die Teilnahme an der Rettung des Hedgefonds LTCM verweigerte, der sich in eine massive Schieflage hinein spekuliert hatte und das Finanzsystem zu stürzen drohte. Alle anderen großen Banken einigten sich damals auf ein Hilfspaket für den im Jahr 2000 endgültig aufgelösten Fonds in Höhe von 3,75 Mrd. Dollar.

Nun, im März 2008, war Bear Stearns selber in Probleme geraten und benötigte eine kurzfristige Liquiditätsspritze. Durch eine böswillig von unbekannter Seite ausgelöste Gerüchte-Kampagne begannen Hedge-Fonds und andere Großkunden gegen die Investmentbank zu spekulieren, zogen Milliarden-Beträge ab und trieben den Aktienkurs nach unten. Als Investment Bank durfte Bear Stearns keine Spar- oder Termineinlagen als Ausgleich annehmen, sondern war auf Zwischenbank-Einlagen und Kredite der Zentralbank angewiesen.

Um die Liquiditätsabflüsse zu ersetzen, verhandelte Bear-Stearns-Boss Alan Schwartz daher mit Jamie Dimon, dem Chief Executive Officer (CEO) der größten US-Bank JPMorgan Chase & Co., über eine einmonatige Kreditlinie von 29 Milliarden Dollar. Dieser wollte sich die Liquidität bei Gouverneur Timothy Geithner von der NY Fed besorgen.

29 Milliarden zugesagt und plötzlich verweigert

Geithner sagte Dimon zunächst 29 Milliarden Dollar zu, damit diese am Freitag, dem 14. März 2008, noch eine Kreditlinie bis zu 30 Milliarden Dollar und einer Laufzeit von 28 Tagen mit Bear Stearns vereinbaren konnte.

Timothy Geithner: Als Präsident der Federal Reserve Bank of New York spielte er ein übles Spiel

Der Deal schien perfekt. Doch am Abend des 14. März 2008 setzten Geithner und der damalige Finanzminister Henry Paulson Alan Schwartz per Telefon völlig überraschend das Messer an. Er sollte über das Wochenende einer Übernahme durch JPMorgan Chase zustimmen. Das aber um einen Pappenstiel von 2 Dollar je Bear-Stearns-Aktie, die an der Börse am selben Tag noch mit 30,85 Dollar gehandelt wurde und ein Jahr zuvor noch unbestritten 260 Dollar wert war.

Es war die gleiche Vorgangsweise des allmächtigen Duos Tim Geithner, dem Notenbank-Präsidenten, und Hank Paulson, dem Finanzminister, mit der sie ein halbes Jahr später auch Lehman Brothers zu Fall brachten und Barclays zuschanzten.

Schwartz hatte am Wochenende natürlich keine Möglichkeit mehr, nach Alternativen zu suchen und hätte am Montag den Konkurs anmelden müssen. Um das zu verhindern musste er daher zähneknirschend dem räuberischen Deal zustimmen und zur Kenntnis nehmen, dass ihm ein Job bei einer anderen Bank angeboten wurde.

Am Sonntag, dem 16. März 2008, gab JPMorgan Chase & Co. das Übernahmeangebot für Bear Stearns bekannt. Im Rahmen einer Kapitalerhöhung erwarb JPMorgan Chase 39,5 Prozent der Aktien. Der Anteil wurde bis Ende April 2008 auf ca. 49 Prozent ausgebaut.

Ehemaliges Bürogebäude von Bear Stearns an der Adresse 383 Madison Avenue, New York

Bei einer außerordentlichen Hauptversammlung im New Yorker Hauptquartier am 29. Mai 2008 wurde die Übernahme von Bear Stearns durch JP Morgan Chase gebilligt und am darauffolgenden Tag vollzogen. Für eine Aktie von Bear Stearns bekamen die Aktionäre 0,21753 Anteile der übernehmenden JPMorgan Chase & Co. Nach Protesten großer institutioneller Investoren wurde der Übernahmepreis schließlich auf 10 Dollar je Aktie erhöht.

Der Übernahmepreis entsprach einer Kapitalisierung von nur noch 236 Millionen US-Dollar. Das geschnürte Rettungspaket sah weiterhin vor, dass die NY Fed sämtliche Verlustrisiken von Bear Stearns bis zu einem Gesamtbetrag von 29 Milliarden US-Dollar übernimmt, während JPMorgan Chase die erste Milliarde eventuell anfallender Verluste schultern sollte.

Goldman Sachs hatte einen Konkurrenten weniger

JPMorgan konnte sich somit um den Pappenstiel von 1,1 Milliarden Dollar eine Investmentbank einverleiben, die in Wahrheit mehr als das Hundertfache wert war. Allein die vollständige Eingliederung von Bear Stearns brachte JPMorgan einen Gewinnzuwachs von mindestens einer Milliarde Dollar pro Jahr. Den Kaufpreis verdiente also die neue Beteiligung selbst.

Aber das war noch nicht alles. Denn mit der neuen Akquisition hatte JPMorgan auch einen Haufen von inzwischen wertlosen Schrottpapieren der Kategorie Mortgage Backed Securities (MBS) übernommen. Um diese Zeitbombe zu entschärfen, zahlte die NY FED unmittelbar nach dem erpresserischen Deal an den neuen Eigentümer von Bear Stearns 29 frisch gedruckte Dollar-Milliarden. Im Gegenzug übernahm die Zentralbank genau jene Schrottpapiere aus dem Portfolio von Bear Stearns, deren bilanzielle Abschreibung die Investmentbank in die Bredouille gebracht hatte.

Im Klartext: Die NY FED hat jene 29 Milliarden, die Jamie Dimon für den Bear Stearns-Deal zuvor als Kredit erhalten hatte, in einen Zuschuss umgewandelt. Zinsfrei und nicht rückzahlbar! Ein glattes Geldgeschenk!

Warum wohl hatte die NY FED nicht schon vorher den Deal gemacht und Bear Sterns über Wasser gehalten? Die Antwort wurde erst später herausgefunden: Auch JPMorgan Chase war zu jener Zeit eigentlich pleite. Die 29 Milliarden von der FED waren schließlich für die größte US-Bank die Rettung gewesen. Und nicht nur das. Ohne eigenes Geld einzusetzen hatte sich JP Morgan Chase unter Mithilfe von Finanzminister und Notenbankchef auch noch ein lukratives Investmentbank-Geschäft aneignen können.

JPMorgan Chase war also im September 2008 finanziell bereits gut aufgepolstert, als Lehman Brothers in die gleichen Schwierigkeiten geriet wie Bear Stearns im März. Dennoch lehnten Paulson und Geithner Hilfsmaßnahmen ab. Auch Jamie Dimon, dessen Bank kurz zuvor 29 Milliarden Dollar als Geschenk erhalten hatte, lehnte ein Engagement glattweg ab.

Denn er hatte bereits die nächste Beute im Visier, die er mit dem gleichen Feldzug wie gegen Bear Stearns erlegen wollte: Die Washington Mutual Inc. (WaMu) in Seattle an der nördlichen Westküste der USA – die größte Sparkasse der Vereinigten Staaten.

Details darüber folgen demnächst.