Der Syrien-Krieg und seine wahren Ursachen

Der Syrien-Krieg entscheidet darüber, wer künftig Europa mit Gas aus dem Nahen Osten beliefern kann. Die weltgrößten Gasexporteure Russland, Iran und Katar mischen militärisch die Karten neu.

Autor: Wolfgang Freisleben

Die amerikanischen Strategie-Entwickler der Think-Tanks und des Pentagon haben eine besondere Vorliebe: das Spiel auf dem geostrategischen Schachbrett. Auf diesem schlossen sie 2014 ein geheimes Abkommen mit Saudi-Arabien über Syrien und den sogenannten Islamischen Staat (IS). Es beinhaltet die Kontrolle über Erdöl und Erdgas in der gesamten Region und die Schwächung Russlands und Irans, wenn Saudi-Arabien den Weltmarkt mit billigem Öl überschwemmen würde. Die Details wurden im September bei einem Treffen zwischen US-Außenminister John Kerry und dem saudi-arabischen König unter Dach und Fach gebracht.

Den Bündnispartnern ist es zwar gelungen, Syrien und Irak zu einem geostrategischen Schlachtfeld zu machen. Doch inzwischen ist zumindest Syrien ihrer Kontrolle entglitten. Denn sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der syrische Diktator Baschar al-Assad flüchtet sich nämlich in die Arme des russischen Potentaten Wladimir Putin. Und dessen Kriegsmaschinerie erwies sich als stärker, als es Amerikaner und Saudis angenommen hatten.

Damit sind die amerikanischen Ölmultis im Nahen Osten in ein wahres Desaster geschlittert. Denn zuvor schon hatte der russische Ölkonzern Lukoil zusammen mit der norwegischen Statoil bei den Versteigerungen der irakischen Ölquellen den amerikanischen Multis den Zuschlag für die Erschließung eines der größten Ölfelder im Süden des Irak weggeschnappt. Das war die erste große Niederlage der Amerikaner, die den Krieg gegen Saddam Hussein und das irakische Volk auch ökonomisch zur Pleite machte.

Unter den insgesamt 15 ausländischen Firmen im Irak sind mit Exxon Mobil und Occidental Oil lediglich zwei amerikanische Firmen zum Zug gekommen. Die erste Lizenz der Post-Saddam-Ära ging an die staatliche chinesische CNPC (China National Petroleum Corporation). Die malaysische Gesellschaft Petronas führt mit drei Lizenzen die Liste der ausländischen Firmen an. Auch koreanische Firmen sind mit von der Partie. British Petroleum (BP) gewann zusammen mit CNPC die Rechte zur Entwicklung von „Rumaila“ – eines der allergrößten Ölfelder.

Dann aktivierte das US-Außenministerium und der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA mit Hilfe der Revolutions-Industrie von Otpor die im Islam schlummernden historischen Verwerfungslinien und schürte den islamischen Heiligen Krieg, auch bekannt als Arabischer Frühling. Washingtons Neokonservative, die als eine Art „Tiefer Staat“ in die Obama-Regierung (noch) eingebettet sind, und verbündete Medien wie die Washington Post unterstützten zunächst die verdeckte Hilfe der USA für die Moslembruderschaft in Ägypten, ein Lieblingsprojekt der CIA. Dann folgten Syrien und Libyen.

Doch als Syriens Präsident Assad im Sommer 2013 von der zunächst geheim gehaltenen Entdeckung riesiger Gasfelder in den syrischen Hoheitsgewässern des Mittelmeers erfuhr, unterzeichnete er mit russischen Unternehmen heimlich sofort Verträge zu deren Erschließung. So verloren die USA auch diese Beute. Das erklärt, warum Washington nur mehr gedämpftes Interesse an den Kriegen im Nahen Osten hat.

Der Krieg zur Eroberung der syrischen Gas- und Ölfelder

Der französische Publizist Thierry Meyssan brachte in international publizierten Analysen Syrien, Irak und Palästina auf den gleichen gemeinsamen Nenner: Überall gehe es um die Ausbeutung neu entdeckter Gas-Reserven.

Seit 2003 wussten nur einige wenige NATO-Länder, wie die großen Gas-Felder in den Hoheitsgewässern des Mittelmeers vor Ägypten, Israel, Palästina, Libanon, Syrien, der Türkei und Zypern verteilt sind und sich unter dem Kontinent erstrecken. Die norwegischen Unternehmen Ansis und Sagex hatten damals zunächst im Auftrag Syriens eine Prospektion des Landes durchgeführt. Dabei hatten sie einen Geheimdienst-Offizier bestochen, heimlich in drei Dimensionen geforscht und die unglaubliche Größe der syrischen Reserven entdeckt. Sie sind grösser als jene des bisher weltweit drittgrößten Produzenten, des Emirats Katar. Danach wurde Ansis von der französisch-amerikanischen Firma Veritas SSGT mit Sitz in London aufgekauft. Die Daten wurden sofort den französischen, amerikanischen, britischen und israelischen Regierungen mitgeteilt, die bald darauf ein Bündnis schlossen, um Assad zu stürzen und sich das Gas und die Vielzahl von Ölfeldern am Festland anzueignen.

Kampf um die Kontrolle über die Pipelines im Irak

Mit einem Umsturz in Syrien sollte auch die geplante 5.600 Kilometer lange Pipeline Teheran-Damaskus für den Transport iranischen Öls bis nach Europa abgeschnitten und damit der Weg für Versorgungs-Korridore freigemacht werden, die den Transport sowohl des Katar-Gases (durch ExxonMobil) als auch jenes von Saudi Arabien (durch Aramco) an die syrische Küste zu ermöglichen. Ein entscheidender Schritt ist mit der Offensive des „Islamischen Staates“ (IS) im Irak erreicht worden, welcher das Land ursprünglich der Länge nach geteilt hat und den Iran von der Region Syrien, Libanon und Palästina zumindest temporär abgeschnitten hat.

Der Ausgang dieses Weltkriegs der Alliierten USA/EU/Katar/Saudiarabien und deren Stellvertreter gegen die Allianz Syrien/Russland/Iran entscheidet darüber, wer in Zukunft Gas aus dem Nahen Osten in Europa verkauft, in welchem Volumen und zu welchem Preis. Russland, Katar und Iran sind bisher jedenfalls die drei größten Gas-Exportländer der Welt.